Das Ähnlichkeits­prinzip

Wie eingangs erwähnt, basiert die Homöopathie bzw. die homöopathische Behandlung auf dem Ähnlichkeitsprinzip, also dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werde.

Was aber bedeutet das nun genau? Und wie und warum kann Heilung mit Ähnlichem funktionieren? Um dies verdeutlichen zu können, muss zunächst ein wenig ausgeholt werden:

Erstwirkung und Nachwirkung

Jeder lebende Organismus besitzt bekanntermaßen in gewissem Rahmen seine Selbstheilungskräfte. Diese Kräfte sind Bestandteil unserer Lebens(erhaltungs)kraft, welche alle Teile und Funktionen des Körpers in einem harmonischen Zustand hält.
Wirkt nun ein äußerer Reiz, ein krankmachender Faktor oder eine Arznei auf den Organismus ein, erzeugt dies zunächst ein (aufgezwungenes) verändertes Befinden im Organismus. Dies nennt man Erstwirkung.
Aufgrund dieser Erstwirkung ist der Organismus nun bestrebt, durch Gegensteuerung zum Ausgangszustand zurückzukehren und das harmonische Gleichgewicht wieder herzustellen.
Diese Gegenreaktion wird auch als Nachwirkung oder Gegenwirkung bezeichnet und ist eine natürliche automatische Reaktion unserer Lebenskraft.

In unserem Alltag finden wir leicht Beispiele für Erst- und Nachwirkungen:

  • Bei Kälte (äußerer Reiz) fangen wir irgendwann an zu frieren (Erstwirkung). Unser Organismus versucht nun durch Maßnahmen wie z. B. Gänsehaut oder Zittern gegenzusteuern und sich zu erwärmen (Nachwirkung), um den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.
  • Der Genuss von starkem Kaffee hat eine anregende Wirkung (Erstwirkung), etwas später aber folgen Trägheit und Schläfrigkeit (Nachwirkung), sofern dies nicht durch erneutes Kaffeetrinken wieder für kurze Zeit aufgehoben wird.
  • Taucht man eine Hand einige Zeit in sehr kaltes Wasser, wird sie vorerst wesentlich kälter sein als die andere (Erstwirkung). Doch hinterher wandelt sich die Kälte in Röte und Hitze (Nachwirkung), so dass die kalte Hand sogar noch wärmer als die andere Hand wird.
  • Radikale Diäten lassen einen zunächst relativ schnell abnehmen (Erstwirkung). Der Organismus wehrt sich jedoch gegen solche Hungerzustände, indem er den Energieverbrauch drosselt und gleichzeitig mehr Hungergefühl auslöst (Nachwirkung). Dies bewirkt, dass man hinterher genauso schnell oder oft sogar noch mehr zunimmt als zuvor, was wir auch unter dem sog. Jo-Jo-Effekt kennen.

Behandlungs­ansatz

Während nun bei der allopathischen bzw. antipathischen Behandlungsweise (= Behandlung mit Entgegengesetztem, wie z. B. in der Schulmedizin) auf die Erstwirkung einer Arznei gesetzt wird, macht sich die Homöopathie die Nachwirkung des Organismus zunutze.

Hierzu ein Beispiel anhand einer Verstopfung:

  • Versucht man eine Verstopfung mit einem Abführmittel, also einem Mittel, welches das Gegenteil und somit Durchfall auslöst, zu bekämpfen, erzeugt dies zunächst den erwünschten Stuhlgang (Erstwirkung der Arznei). Lässt die Mittelwirkung jedoch nach, setzt die neutralisierende Gegenreaktion des Organismus ein, welche sich gegen den Arzneireiz Durchfall richtet (Nachwirkung). Im Endergebnis löst dies meist eine erneute Verstopfung aus. Um den anfänglich erfolgreichen Effekt weiter beibehalten zu können, wird dann meist eine größere Dosis und/oder eine Dauermedikation benötigt, was zudem noch das Risiko von Nebenwirkungen und dem Gewöhnungseffekt birgt.
  • In der Homöopathie verabreicht man bei einer Verstopfung nun ein Mittel, das in der Lage ist, eine solche Verstopfung auszulösen (Erstwirkung der Arznei). Lässt die Mittelwirkung nach, setzt auch hier wieder die Gegenreaktion des Organismus ein, welche sich nun gegen den Arzneireiz Verstopfung richtet (Nachwirkung). Und da die ursprünglich natürliche Verstopfungskrankheit der durch den Arzneireiz erzeugten künstlichen Verstopfungskrankheit sehr ähnlich ist, wird sie praktischerweise gleich mit neutralisiert. Im Endergebnis bewirkt dies eine Normalisierung der Verdauung.

Dieses Beispiel ist natürlich sehr vereinfacht dargestellt. Dennoch werden in der Schulmedizin tatsächlich nur einzelne Symptome oder Organe betrachtet und mit dem Gegensätzlichen behandelt (z. B. Antibiotika gegen bakterielle Infektionen, Analgetika gegen Schmerzen, Antiphlogistikum gegen Entzündungen, Antihistaminika gegen Allergien, etc.). Solch eine Vorgehensweise bewirkt jedoch lediglich eine Unterdrückung der Symptome, was sich oft in nur kurzfristige Erfolge äußert, da es v. a. bei chronischen Erkrankungen meist nicht zu einer wirklichen Heilung führt.

Bei einer homöopathischen Behandlung wird der Patient ganzheitlich mit all seinen individuellen Symptomen und Modalitäten erfasst und das passendste Mittel eruiert. So ist es hierbei auch entscheidend, ob eine Verstopfung z. B. mit oder ohne Stuhldrang, Kollern im Bauch, etc. vorliegt; wo Schmerzen lokalisiert sind und ob sie z. B. stechend, drückend, ausstrahlend auf weitere Körperregionen, etc. sind; unter welchen Bedingungen sich Beschwerden bessern oder verschlechtern (z. B. Wärme, Kälte, Berührung, etc.) oder welche sonstigen Veränderungen (z. B. Hunger, Durst, Angst, Zorn, etc.) noch zu verzeichnen sind. All dies ist bei der homöopathischen Mittelwahl zu berücksichtigen, denn das Mittel soll ja auch einen möglichst ähnlichen (künstlichen) Krankheitszustand hervorrufen, als es der Kranke zeigt, um aufgrund der Gegenwirkung des Organismus wieder zu einem normalen Gleichgewicht zurückzufinden.

Die Arzneimittel­prüfung

Um ein Mittel nun nach dem Ähnlichkeitsprinzip auswählen zu können, ist es natürlich erst mal wichtig zu wissen, welche Symptome es überhaupt erzeugen kann. Aus diesem Grund muss jeder Arzneistoff einer Prüfung am Gesunden unterzogen werden. Bei diesen Arzneimittelprüfungen nehmen unterschiedliche Probanden das zu prüfende Mittel über einen Zeitraum von mehreren Tagen ein. Die dabei auftretenden Veränderungen und Symptome werden dann genau notiert und finden Eingang in die Arzneimittellehre (Materia Medica). Zusätzlich zu dieser Sammlung an Prüfsymptomen kommen aber auch noch Symptome aus toxikologischen Berichten zu Vergiftungsfällen (z. B. Arsenvergiftungen) und nicht zuletzt durch klinische Beobachtungen die an behandelten Patienten geheilten Symptome hinzu.
Insgesamt ergibt sich so zu jedem homöopathischen Mittel ein sog. Arzneimittelbild, welches nun mit dem Symptombild eines Patienten verglichen werden kann.

Info

Die Ähnlichkeit der durch die Erstwirkung einer homöopathischen Arznei erzeugten Kunstkrankheit mit der ursprünglich natürlichen Krankheit erweckt oft den Eindruck, dass sich die bestehenden Krankheitssymptome des Patienten anfangs verschlimmern. Dieses Phänomen wird deshalb auch als Erstverschlimmerung bezeichnet und ist in der Regel nur von kurzer Dauer, bis die Arzneiwirkung nachlässt und die Gegenreaktion des Organismus den Heilungsprozess einleitet.

Allerdings können durch unsachgemäße (z. B. zu häufige und/oder zu lange) Mittelgaben während einer homöopathischen Behandlung auch ungewollte Arzneimittelprüfungen provoziert werden, bei denen der Patient neben einer Verschlimmerung seiner bisherigen Beschwerden auch noch zusätzliche Symptome aus dem Arneimittelbild der jeweiligen Arznei entwickeln kann!

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